
- Wahlplakate nehmen immer mehr zu und stören das Stadtbild
- Bürger favorisieren andere Entscheidungshilfen
- AvD für mehr Eindämmung im Straßenraum
Aktuell begegnet man ihnen wieder an sämtlichen Laternenmasten, Verkehrsschildern oder Brückengeländern: Wahlplakate, wohin man schaut. Die Wahlen in Bayern und Hessen (Kommunal) sowie Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz (Landtag) haben Deutschlands Straßen in eine Art politisches Freiluftlager verwandelt. Für Verkehrsteilnehmer entsteht dadurch vielerorts ein regelrechter „Schilderwald“, der nicht nur das Stadtbild prägt, sondern auch die Aufmerksamkeit im Straßenverkehr belastet. Aus Sicht des Automobilclub von Deutschland (AvD) stellt sich daher zunehmend die Frage, ob diese Form der Wahlwerbung die Verkehrssicherheit immer mehr beeinträchtigt und noch zeitgemäß ist.
Denn die Wirkung dieser Plakate auf die Wahlentscheidung scheint äußerst begrenzt zu sein. Laut einer Umfrage von PolitPro mit über 7.600 Teilnehmern gaben 70 Prozent an, dass Wahlplakate überhaupt keinen Einfluss auf ihre Wahlentscheidung haben, während nur 3 Prozent einen starken Einfluss wahrnehmen. Deutlich hilfreicher sind gemäß Marktforschungsinstitut YouGov TV-Nachrichtensendungen (44 Prozent) und der Wahl-O-Mat (37), der besonders bei den 18- bis 29-Jährigen die wichtigste Entscheidungshilfe ist. Danach folgen persönliche Gespräche mit Freunden und Bekannten (34) sowie Berichte in Zeitungen und Zeitschriften (30) und Social Media (12).
Zwar erfüllen Wahlplakate weiterhin eine Funktion und machen sichtbar, dass Wahlkampf stattfindet. Sichtbarkeit allein ist jedoch kein überzeugendes Argument für eine nahezu unbegrenzte Vermehrung dieser Werbeträger. Zum Problem wird es, wenn sie im öffentlichen Raum mit Verkehrszeichen, Wegweisern und Ampelanlagen um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Regulierter Wahlkampf
Einige Kommunen in Deutschland versuchen daher bereits, den Wildwuchs einzudämmen. Städte wie Freiburg, Konstanz oder Stuttgart arbeiten mit festen Kontingenten, ausgewiesenen Standorten oder zentralen Stellwänden, um die Zahl der Plakate zu begrenzen und ein unkoordiniertes Aufhängen zu vermeiden. Die Stadt Frankfurt am Main informierte vor dem aktuellen Wahlkampf über umfangreiche Regeln im Umgang mit Plakatwerbung, die allerdings kaum beachtet werden. Mannheim hat sogar regelrechte Sperrbezirke für Wahlwerbung benannt. Ziel solcher Regelungen ist nicht die Einschränkung des Wahlkampfs, sondern ein geordnetes Stadtbild und mehr Übersichtlichkeit im öffentlichen Raum.
Aus Sicht des AvD sollte diese Diskussion stärker geführt werden, gerade im Interesse der Verkehrssicherheit. Unabhängig davon, ob sie mit dem Auto, Motorrad, Fahrrad oder Roller unterwegs sind, Verkehrsteilnehmer müssen eine Vielzahl von Informationen gleichzeitig verarbeiten. Verkehrszeichen, Wegweiser, Baustellenhinweise, Ampeln oder Fußgänger haben eine deutlich größere Bedeutung als Wahlwerbung. Wenn zusätzlich an nahezu jedem Mast mehrere großformatige Wahlplakate hängen, steigt zwangsläufig die visuelle Reizdichte.
Warum müssen sie also in immer größerer Zahl den Straßenraum dominieren, wenn Wahlplakate nachweislich nur geringen Einfluss auf Wahlentscheidungen haben? Und noch eine ganz praktische Frage zum Schluss: Falls ein Autofahrer vor lauter Plakaten tatsächlich einmal den Überblick verliert und es zu einem Unfall kommt, übernehmen die Parteien dann eigentlich auch einen Teil der Kosten für die gestörte Aufmerksamkeit im Straßenverkehr?